Effectuation – Unter Ungewissheit Neues hervorbringen

Von Reto Kessler
Mitarbeitende in Organisationen arbeiten oft nicht nach Zielen. Sie ergreifen Gelegenheiten und lösen Probleme. Das ist erstaunlich effektiv.
effectuation

In Organisationen definiert man Ziele: Führungskräfte treffen Zielvereinbarungen mit ihren Mitarbeitenden, in Businessplänen werden Absatz- und Ertragsziele festgelegt, Mitarbeitende denken sich persönliche Entwicklungsziele aus (die man im HR dokumentiert) und in Strategien werden Ziele für das Gesamtunternehmen transparent gemacht.

Ohne Ziele wird nicht gearbeitet?

Führen durch Ziele hat als «Management by Objectives» grosse Karriere gemacht. Es ist so selbstverständlich geworden, dass man das praktisch nicht hinterfragt. Und der Eifer, mit dem man Ziele entwickelt, definiert, vereinbart, überwacht und anpasst ist so hoch, dass man meinen könnte, man brauche für alles Ziele. Ohne Ziele wird gar nicht gearbeitet.

Ziele geben Orientierung, aber man orientiert sich nicht nur an Zielen

Und natürlich haben Ziele ihre Funktion (z. B. Orientierung, Koordination, Synchronisation). Beobachtet man jedoch Mitarbeitende in Unternehmen, sind die persönlichen Entwicklungsziele oder die offiziell ausgeflaggten Jahresziele der Abteilung meist nicht die primäre Orientierung («Schatz, ich bleib noch etwas länger. Muss noch mein Ziel erreichen»).

Die Forschung zeigt: Sowohl Mitarbeitende als auch Unternehmerinnen und Unternehmen danken und handeln anders. Businesspläne, Analysieren, Vorhersagen? Fehlanzeige. Sie ergreifen Gelegenheiten und lösen Probleme. Sie lösen die Probleme ihrer Kunden (weil sie es können), helfen einem Kollegen oder entwickeln ein neues Produkt, weil die Situation es hergibt (Chance!) und sie die Mittel dafür haben – Ziel(e) hin oder her.

Machen und sehen, was möglich ist

Vereinfacht gesagt schauen sie, was sie mit ihren Mitteln bewerkstelligen können und wie das funktioniert. Umgang mit Ungewissheit.

Wie diese andere «unternehmerische» Denk- und Herangehensweise funktioniert, wurde als «Effectuation» in einem Ansatz zusammengefasst und beschrieben.

Effectuation nimmt Anleihen bei denen, die es geschafft haben, unter Ungewissheit Neues hervorzubringen: erfahrene Entrepreneure. Die Kognitionsforschung beschreibt deren Denken und Handeln als lernbare Expertise. Das ist interessatant, sowohl für Beratung als auch in der Führung. Überall dort, wo der kausale Grundschritt «Ziele setzen, planen, umsetzen» holpert, eignet sich Effectuation zur Problemlösung und zum Gestalten der Zukunft.

Michael Faschingbauer setzt sich seit vielen Jahren intensiv mit Effectuation auseinander, als Trainer und Berater. Und er vermittelt das Konzept auf anschauliche und unterhaltsame Weise.