Ein Interview mit Luc Ciompi zur Theorie der Affektlogik.

Von Reto Kessler
Die Theorie Affektlogik von Luc Ciompi ist ich nur für die Arbeit mit Individuen, sondern auch für das Verständnis kollektiver Phänomene von Interesse. In einem lesenswerten Interview erläutert Luc Ciompi seine Theorie.
Affektlogik Interview Luc Ciompi

Mit der sog. Affektlogik beschreibt der Schweizer Psychiater Luc Ciompi das Zusammenwirken von Fühlen und Denken. Grundlage seiner Theorie ist die Erkenntnis, dass Fühlen (Affekt) und Denken (Logik, Kognition) in allen psychischen Leistungen regelhaft zusammenwirken.

Anders gesagt: Die Wechselwirkung zwischen Denken und Fühlen ist allgegenwärtig. Wir können nicht denken ohne zu fühlen. Es gibt kein «affektfreies Denken». Und was wir fühlen, beeinflusst unser Denken.

Das mag für die psychologisch geschulte Fachperson zunächst selbstverständlich sein. Auf der anderen Seite ist zu beobachten, dass im Alltag, z. B. in der Zusammenarbeit, der Führung oder der Beratung vielfach versucht wird, das Fühlen vom Denken zu separieren und das Fühlen gegenüber dem Verstand abzuwerten. Wir wollen «die Situation sachlich beurteilen» oder «Emotionen draussen lassen».

In dem sehr lesenswerten Interview mit Elena Serova zeigt Luc Ciompi, dass das weder möglich noch hilfreich ist.

Die Theorie der Affektlogik geht jedoch weit über die blosse Erkenntnis hinaus. Luc Ciompi beschreibt verschiedene Wirkungen:
👉 Emotionen und Gefühle wirken wie ein Treibstoff, sie sind Energien «hin zu» oder «weg von» etwas
👉 Sie wirken wie selektive Filter, so dass wir nur bestimmte Informationen wahrnehmen
👉 Sie wirken integrativ, in dem bestimmte Erfahrungen für zukünftiges Handeln nutzen:

«Gefühle wirken wie ein Leim, der Erlebnisse mit gleichartiger emotionaler Färbung miteinander verbindet und nicht gleichartige verdrängt. Das Resultat sind emotional eingefärbte Verallgemeinerungen etwa von der Art “ein wunderbarer Mensch”, “ein scheussliches Land”, “ein blöder Kerl”. Genau dies ist mit dem Begriff der Schalt- und Filterwirkung von Affekten gemeint.»

Und er beschreibt (mit Bezug auf Beiträge von Elke Endert), wie all das auf sozialer und historischer Ebene weiterwirkt. Denn die Muster im Grossen seien denen im Kleinen sehr ähnlich: «Die emotionalen Triebkräfte, die Kriege zwischen Staaten antreiben, sind im Wesentlichen dieselben wie jene, die zwischen zwei Menschen zu Eskalationen führen.»

Die Affektlogik ist somit nicht nur für die Arbeit mit Individuen interessant, sondern auch für das Verständnis kollektiver Phänomene.

Luc Ciompi sagt: «Gefühle machen Geschichte» bedeutet, dass nicht nur im individuellen Bereich, sondern auch im Grossen und in der Geschichte die Grundkräfte, die das kollektive Geschehen vorantreiben, emotionaler Art sind. Diese Tatsache muss bei jedem Versuch, dieses Geschehen zu verstehen oder zu beeinflussen, zentral berücksichtigt werden. Dies gilt insbesondere auch in Bezug auf Krieg und Frieden.