Reframing im Coaching

Von Reto Kessler
Durch Perspektiv- oder Kontextwechsel neue Möglichkeiten entdecken.

Im professionellen Coaching steht oft die Erweiterung des eigenen Horizonts im Mittelpunkt. Es geht darum, neue Wahrnehmungen zu entwickeln und bisher undenkbare Handlungsoptionen zu erschliessen. Eine der effektivsten Methoden hierfür ist das Reframing. Diese Technik gilt als einfach anzuwenden und hochwirksam, wenn sie korrekt eingesetzt wird.

Was ist Reframing? Definition und Grundprinzip

Einfach ausgedrückt bedeutet Reframing (vom englischen «frame» für Rahmen), das innere Bild, das eine Person von sich selbst und ihrer Welt hat, in einen neuen Kontext zu setzen. Durch diese Verschiebung des Blickwinkels verändern sich oft automatisch die Bewertung einer Situation und die daraus resultierenden Gefühle. Die umfangreiche Fachliteratur zum Thema Coaching bietet hierfür diverse Ansätze, die sich grob in zwei Kategorien unterteilen lassen.

Strategien für den erfolgreichen Perspektivwechsel

Um starre Denkmuster aufzubrechen, helfen Fragen wie folgende:

  • Verallgemeinerungen prüfen: Ist die Situation wirklich immer oder nie so, oder gibt es Ausnahmen?
  • Zeitliche Distanz schaffen: Wie würde ich diese Situation in drei, fünf oder zehn Jahren beurteilen?
  • Massstab verändern: Was passiert, wenn wir die Situation mal ganz gross (im globalen Kontext) oder ganz klein (im Detail) betrachten?
  • Aussenperspektive einnehmen: Was würde eine vertrauenswürdige Person oder ein Vorbild dazu sagen?

Die Kraft der Umdeutung nutzen

Neben dem reinen Wechsel der Perspektive geht es beim Reframing auch um die tiefergehende Sinngebung:

  • Funktion hinterfragen: Welchen Zweck erfüllt das aktuelle Verhalten oder Gefühl? Wozu dient es?
  • Ambivalenzen erkennen: Was ist das Gute im Schlechten und was ist das Schlechte im Guten?
  • Neues sichtbar machen: Welche Möglichkeiten oder Erkenntnisse werden durch diese Betrachtung erst möglich?

Fallstricke: Reframing ist nicht «positives Denken»

Das klingt tatsächlich einfach. Allerdings gibt es auf dem Weg zu einer anderen Sichtweise oder neuen Handlungsmöglichkeiten diverse Fallstricke. Zwei davon wollen wir hier beschreiben:

1. Die Gefahr der toxischen Positivität in Krisen

In Zusammenhang mit Reframing wird of so getan, als müsste man ein Problem einfach «positiv betrachten» um es zu «lösen». Am deutlichsten wird das an dem häufig zitierten Satz: «Jede Krise ist auch eine Chance». Das stimmt so allgemein formuliert nicht (und wenn überhaupt nur in der Rückwärtsbetrachtung erfolgreich gemeisterter Krisen). Krisen können tödlich sein. Auch für den Coaching-Prozess ist es wenig dienlich, einen Coachee, dem gerade keine bekannten Muster zur Verfügung stehen, um eine krisenhaft erlebte Situation zu meistern zu sagen, «das wird schon für irgendwas gut sein, lass uns mal schauen.»

2. Abgewertete Gefühle übersehen

Coachees werten oft einen Teil des eigenen Erlebens unbewusst ab. Die Angst, die Lust, die Wut, die Freude, die nicht sein darf. Für die Coach-Person ist wichtig, diese Perspektive des Coachees nicht unüberlegt zu übernehmen. Reframing kann dazu verführen, z. B. wenn man versucht, bestehendes Verhalten neu zu bewerten ohne die inneren Vorgänge zu erkunden. Damit werden die inneren, vom Kunden abgewerteten Anteile auch vom Coach alleingelassen und Veränderung verhindert.

Reframing als Haltung: Mehr Spielraum im Alltag

Refraiming verschafft Kunden und Coachees mehr Spielraum. Es ist damit nicht nur eine Technik im Coaching, sondern kann durchaus als Möglichkeit verstanden werden, sich generell im Alltag mehr Freiheitsgrade zu erarbeiten.

Gemeinsame Erkundung statt vorgefertigter Lösungen

Es ist jedoch sinnvoll und notwendig, Reframing nicht als Technik zur Neubewertung zu betrachten. Das Bild einer Krise ist auch in neuem Rahmen ein Bild einer Krise. Besser ist, Reframing als gemeinsame Erkundungstechnik zu betrachten. Coaches müssen eine feines Gespür dafür haben, welche Erkundungen in einer bestimmten Situation zumutbar und hilfreich sind und welche Richtungen erkundungswürdig sind.

Dazu ist wichtig, ergebnisoffen zu sein. Wer seinen Kunden versucht auf das zu bringen, was man schon als Lösung im Kopf hat, ist auf dem Holzweg.